Dr. rer. pol. Kurd Kißhauer (* Dezember 1886 in Berlin; † November 1958) war ein Astronom. Während der Zeit des Nationalsozialismus arbeitete er als Referent im Amt Rosenberg.

Kißhauer wurde als Sohn eines Handelsmanns in Berlin in der Neuen Friedrichstraße 5–8 geboren. Er war schon 1914 Mitglied der Vereinigung von Freunden der Astronomie und kosmischen Physik. Als Amateurastronom machte sich Kißhauer mit Beiträgen für Zeitschriften wie Sirius und Der Straßenastronom einen Namen. In der von Hans-Hermann Kritzinger 1918 in Berlin gegründeten Ingedelia – Internationale Gesellschaft der Liebhaberastronomen wirkte Kißhauer als Sekretär und leitete die Ortsgruppe Berlin. In seiner Funktion als Sekretär der Ingedelia zeichnete er am 21. April 1920 die Urkunde über die Ehrenmitgliedschaft von Albert Einstein gegen. Kißhauer wurde 1920 zeitweise von seiner offiziellen Funktion bei der Ingedelia suspendiert. Seit spätestes 1921 war er Mitglied der Astronomischen Gesellschaft, in der Einsteins Relativitätstheorie kontrovers diskutiert wurde.

Nachdem die Familie von Bülow 1919 vom Schenkungsvertrag mit der Sternwarte Kiel über die fünf Jahre zuvor geschlossene Sternwarte Bothkamp zurückgetreten war, sollte Kißhauer einen Käufer suchen. Vermittelt hatte diesen Auftrag vermutlich Kritzinger, letzter Astronom auf Bothkamp. Kißhauer verfolgte die Verkaufspläne zu Bothkamp bis etwa 1922, als ihn Ernst II. von Sachsen-Altenburg schon auf Jagdschloss Fröhliche Wiederkunft nach Wolfersdorf geholt hatte, wo der Herzog nach seinem Abdanken im Jahre 1918 eine moderne Sternwarte einrichtete. Der Verkauf der Bothkamper Utensilien misslang und sie gingen 1930 in den Besitz des Museums Kiel über. Kißhauer übergab die von ihm angefertigten Zeichnungen des Bothkamper Spektrographen an das Deutsche Museum in München.

Schon in frühen Jahren stand Kißhauer nationalkonservativen Kreisen nahe, so publizierte er in den Jungdeutschen Stimmen, dem Organ des Jungdeutschen Bundes. Von Wolfersdorf wechselte Kißhauer in das nahe Jena, wo er für die Firma Carl Zeiss arbeitete und zu den Zeiss-Planetarien publizierte, darunter beim hiesigen Urania Verlag. Mit seiner Frau stand er in Verbindung zu Elisabeth Förster-Nietzsche, der Schwester und Nachlassverwalterin des Philosophen Friedrich Nietzsche.

1926 gründete Kißhauer als Direktor und wissenschaftlicher Leiter das Städtische Planetarium Dresden. Das Projekt wurde seinerzeit von der Güntz-Stiftung unterstützt und realisierte eines der ersten Projektionsplanetarien von Walther Bauersfeld der Firma Carl Zeiss. Kißhauer war im Planetarium Wissenschaftler, Techniker, Lehrer und Unterhalter in einem. Engagiert bemühte er sich um die Popularisierung der Astronomie. Neben seinen Schriften trat er wiederholt im Rundfunk auf. In seinem Buch Der Sternhimmel im Feldglas bezog er sich auf Adolph Diesterweg und schrieb: "Die Astronomie ist eine erhabene, weil erhebende Wissenschaft; deshalb sollte sie keinem Menschen vorenthalten bleiben." Das Dresdner Planetarium stieß anfangs auf großes Interesse, musste wegen fehlender Besucher im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise jedoch nach wenigen Jahren wieder geschlossen werden.

Kißhauer kehrte 1930 nach Berlin zurück, wo er die erste Zeit als Kaufmann arbeitete. Er verfasste kritische Schriften und hielt Vorträge zur Astrologie.

Als Referent im Amt Rosenberg wurde Kißhauer in naziinterne Konflikte zum Thema Astrologie hineingezogen. Im Zentralorgan des NS-Studentenbundes Nationalsozialistische Monatshefte vom April 1938 stellte er sie als orientalisch und volksschädlich dar, was wiederum der Völkische Beobachter zitierte. 1941 beteiligte sich Kißhauer nach der "Heß-Affäre" an der Absetzung von Karl Heinz Hederichs von der "Parteiamtlichen Prüfungskommission zum Schutze des nationalsozialistischen Schrifttums". Von 1941 bis 1943 leitete er die "Abwehrstelle gegen Astrologie und Welteislehre" im Amt Rosenberg. Führende Nationalsozialisten, darunter Hitler und Himmler, standen der Welteislehre aufgeschlossen gegenüber und versuchten Bezüge zum Germanentum abzuleiten. Alfred Rosenberg setzte Kißhauer im Krieg dazu ein, Astrologen wie Karl Ernst Krafft zur Anfertigung von Horoskopen für die psychologische Kriegsführung zu zwingen. Noch 1944 veranlasste Kißhauer die Besetzung von Lehrstühlen der Theoretischen Physik mit Gegnern von Einsteins Relativitätstheorie.

Nach dem Krieg hielt Kißhauer wieder Vorträge zur Astronomie, z. B. vor der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft und bei verschiedenen Radiosendern. Kißhauer war Mitglied der DEGESA – Deutsche Gesellschaft Schutz vor Aberglauben e. V., wo er seinen Kampf gegen die Parapsychologie fortsetzte. Der britische Publizist Ellic Howe zitierte ihn in seinen Büchern über die Rolle der Astrologie in der Zeit des Nationalsozialismus.

Abbildung (oben): Kurd Kißhauer
Abbildungen (unten, rechts): Grafiken von Kurt Fiedler für Bücher von Kurd Kißhauer und Werbung für das Städtische Planetarium

Kurd Kißhauer anlässlich der Eröffnung des Städtischen Planetariums:

"Das Planetarium ist ein Kulturfortschritt höchsten Ranges, verbreitet - frei von aller trockenen Lehrhaftigkeit - lebendiges Wissen, und die Stadt Dresden kann stolz darauf sein, daß auch sie nun ein Planetarium in ihren Mauren birgt und Anteil hat an der schönen Aufgabe, die Menschen zurückzuführen zur Natur und ihrem gewaltigsten Ausdruck, dem Makrokosmos."

Schriften, Vorträge

  • Das in Jena erbaute neue Planetarium. D. Uhrmacherkunst, Jg. 49, Nr. 40, Okt. 1924. S. 618 bis 620
  • Der Sternenhimmel in der Kuppel. Die Himmelswelt, Bd. 35-36, 1925, S. 86
  • Das Planetarium als Kulturfaktor. Der Türmer, Dezember 1926
  • Artikel zur totalen Sonnenfinsternis am 29. Juni 1927. Urania, Bd. 3‎, S. 364
  • Städtisches Planetarium auf dem Ausstellungsgelände. Dr. Güntz’sche Stiftung, Dresden 1927
  • Der Sternenhimmel im Feldglas. Hesse & Becker, Leipzig 1928
  • Max Valier. Kölnische Volkszeitung und Handelsblatt, 19.5.1930
  • Vortrag vor dem Reichsausschuss für Hygienische Volksbelehrung: Krankheit und Horoskop, 1930
  • Horoskop und Familie. In: Praktikum für Familienforscher, H. 22, Degener & Co., Leipzig 1932
  • Ein Venusrätsel gelöst? ESS, 1934
  • Sternenlauf und Lebensweg: Betrachtungen über Astrologie. Reclam, Leipzig 1935 und 1941
  • Die Astrologie — eine Wissenschaft ?, Nationalsozialistische Monatshefte, Bd. 9, 1938, S. 344-350; am 17. Mai 1938 zitiert in der "Völkische Beobachter"
  • Eine astronomische Betrachtung über den Adventsstern (FRA, 20.12.1953)
  • Wozu Astronomie? der Mars ("Lebendiges Wissen" von Heinz Friedrich, HR, 1954)
  • Künstliche Monde und ihre Bedeutung für die Wissenschaft (Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft, 11.11.1956)
  • Astronomische Betrachtung (FRA, August 1958)
  • Als es noch kein Fernrohr gab (SWF II, 1958)
  • Von der Sonnenuhr bis zur Quarzuhr (SWF II, Mai 1958)
  • Wettermacher Sonne — Europas Großwetterlagen (NDR, WDR 1)