Wolfgang Schumann (* 22. August 1887 in Dresden; † 22. April 1964 in Freital) war ein politisch engagierter Schriftsteller und Journalist.

Der Sohn von Paul Schumann und dessen erster Frau Else, eine Tochter des deutsch-amerikanischen Schriftstellers und 1848-Revolutionärs Rudolf Doehn, wuchs nach der Scheidung seiner Eltern als Stiefsohn von Ferdinand Avenarius in einer von Schilling & Graebner gemeinsam für Avenarius und Paul Schumann gebauten Villa auf der Wachwitzer Straße auf. Nach dem Besuch einer Blasewitzer Privatschule ging Wolfgang Schumann auf das Königliche Gymnasium Dresden-Neustadt. Schumann studierte an der Technischen Universität Dresden bis 1906 Kunstgeschichte bei Cornelius Gurlitt und dem Werkbund-Mitbegründer Fritz Schumacher, später Medizin, Soziologie, Philosophie, Philologie und Literaturgeschichte in München und Berlin.

Seine journalistische Laufbahn hatte Wolfgang Schumann schon 1905 als Referent beim Dresdner Anzeiger begonnen. Hier gehörte sein Vater, Paul Schumann, zu den leitenden Mitarbeitern, Chefredakteur war seinerzeit Leonhard Lier. Der Dürerbund-Stipendiat Karl Hanusch erteilte ihm Unterricht im Zeichnen. Auch in Musiktheorie und Gesang erhielt er eine Ausbildung. 1908 wurde Schumann Redakteur des Literaturteils beim Kunstwart. Familiär bedingt engagierte er sich für den Dürerbund und leitete dessen Literarischen Ratgeber und den Literarischen Jahresbericht. Im Jahre 1912 heiratete Schumann die Übersetzerin und Schriftstellerin Luise Eva Feine, die seinerzeit in Berlin Naturwissenschaften studierte. Sie wohnten von 1913 bis 1922 im Dürerbundhaus.

Schumann wurde 1917 in den Vorstand der Dürerbund-Werkbund-Genossenschaft in Hellerau gewählt, die sich der Qualität von Waren verschrieben hatte. Zunehmend engagierte er sich politisch und entfernte sich damit von wesentlichen Positionen des Dürerbundes, der "Partei der Unpolitischen". 1918 trat Schumann der SPD bei. Er hatte in dieser Zeit enge Beziehungen zu Otto Neurath, den er 1908 in Wien erstmals getroffen hatte. Neurath zählte zu den regelmäßigen Autoren des Kunstwarts und beeinflusste Schumanns Gesellschaftsbild maßgeblich. Als Neurath 1918 in Leipzig die Leitung des Kriegswirtschafts-Museums übernahm, folgte ihm Schumann als Generalsekretär. Gemeinsam mit dem Chemnitzer Hermann Kranold entwickelte Neurath ein Programm zur Sozialisierung in Bayern und Sachsen. Schumann wurde von Neurath nach der Novemberrevolution als Verantwortlicher für Presse und Öffentlichkeitsarbeit im Zentralwirtschaftsamt der Münchner Räterepublik nominiert.

Dresdner Volkszeitung 1922 erhielt Schumann eine Anstellung als Redakteur bei der Dresdner Volkszeitung. Er vertrat das Ressort Theater, Bildende Kunst und Rundfunk. Schumann war zudem Mitbegründer, Vorstandsmitglied und Dozent an der Volkshochschule sowie 2. Vorsitzender, Dramaturg und Redakteur bei der Volksbühne. Nach dem Tod seines Stiefvaters Ferdinand Avenarius im Jahre 1923 musste Schumann größere Verantwortung für Dürerbund und Kunstwart übernehmen. 1924/25 übernahm er die Herausgeberschaft des Kunstwarts und als 1. Schriftführer des von seinem Vater, Paul Schumann, nominell geleiteten Dürerbundes dessen intellektuelle Führung. Der Kunstwart verlegte in jener Zeit 45 Künstlermappen, die insgesamt in einer Auflage von 1,3 Millionen Stück erschienen. Die Folgen des Ersten Weltkriegs, wirtschaftliche Krisen, aber auch Schumanns glückloses Agieren führten zu einem Abstieg von Kunstwart und Dürerbund. Schumanns hochliterarischer Anspruch überforderte teilweise die Leserschaft. Es gab aber auch politische Differenzen. Die Klientel des Kunstwarts war eher bürgerlich geprägt, Schumann bekannte sich zu sozialistischen Gesellschaftsmodellen. 1926 wurde er vom Callwey Verlag München aus der Leitung des Kunstwarts entlassen. Als Paul Schumann 1927 starb, wurde nicht dessen Sohn Wolfgang mit der Leitung des Dürerbundes beauftragt, sondern Karl Hanusch.

Für den Dürerbund und den Kunstwart verfasste Schumann kulturpolitische, aber auch pädagogische, soziologische und politische Schriften. Allein im Kunstwart erschienen von 1912 bis 1926 insgesamt 170 Beiträge von Wolfgang Schumann, beispielsweise: "Bildung und Schulwesen" (1912), "Nietzsche und unser Bürgertum" (1914), "Von den Aufgaben des Theaters" (1916), "Politik und Wissenschaft" (1919), "Um die deutsche Verfassung" (1919), "Humanismus und Realismus" (1925) und "Lebenskunst" (1926). Seine eigenen Beiträge waren von hohem literarischen Niveau geprägt, gleichzeitig förderte er aber auch andere Autoren, z. B. Hermann Häfker, und er gab Goethe, Max Liebermann und Texte des ermordeten Reichsministers Walter Rathenau heraus. Als Rundfunkredakteur warnte Schumann eindringlich vor dem aufkommenden Nationalsozialismus. 1932 bebauten die Schumanns einen vom Grundstück des Dürerbundhauses abgetrennten Teil mit einem eigenen Haus, die Heinrich-Schütz-Straße 4. Die Wohnungen im Dürerbundhaus, das nach dem Tod von Else Avenarius in den Besitz ihrer Schwiegertochter Eva Schumann überging, waren u. a. an Kurt Fiedler und Edmund Schuchardt vermietet.

Nach der Machtergreifung durch die Nazis mussten die Schumanns zeitweise nach Prag, Paris und London emigrieren. Die Dresdner Volkszeitung wurde verboten. Ihr neugebautes Haus vermieteten sie an den Kammermusiker Oskar Geier. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland erhielt Schumann zunächst Schreibverbot. Die Mieteinnahmen ihrer beiden Häuser auf der Heinrich-Schütz-Straße halfen vermutlich beim Lebensunterhalt. Bemerkenswert ist, dass sie noch 1936 die jüdische Familie Sternfeld im Dürerbundhaus aufnahmen, die schließlich rechtzeitig aus Deutschland fliehen konnte. Mit seinen Eltern wohnte auch der spätere Transrapid-Pionier Götz Heidelberg im Haus. Einige Zeit hielten sich die Schumanns in Berlin und dann bei der befreundeten Schriftstellerin Marianne Bruns, die viele Jahre für den Kunstwart geschrieben hatte, in Breslau auf. Am 13./14. Februar 1945 wurde ihr Zuhause in Dresden, die inzwischen in fremden Besitz befindliche Villa aus Schumanns Kinderzeit auf der nach Ferdinand Avenarius genannten ehemaligen Wachwitzer Straße, in die sie kurz zuvor zurückgekehrt waren, durch die Luftangriffe zerstört.

Wolfgang und Eva Schumann sowie Marianne Bruns wurden nach der Zerstörung Dresdens von Karl Hanusch in Freital aufgenommen, wo Schumann bis 1947 erster Intendant des Theaters im Plauenschen Grund in Potschappel war. Zudem wirkte er als freischaffender Schriftsteller. Schumann war nach dem Krieg zunächst wieder in die SPD eingetreten, im Zuge der Vereinigung mit der KPD wurde er Mitglied der SED. Seine Ablehnung von Volksbildung als Mittel zur ideologischen Indoktrination führte ihn in der DDR zunehmend in die Isolation. Schumann wurde wie seine Mutter und sein Stiefvater auf Sylt beigesetzt. Drei Jahre nach seinem Tod wurde seine Frau zur Ehrenbürgerin Freitals ernannt.

Abbildungen: Schumann-Avenarius-Villa auf der Wachwitzer Straße (Nr. 3), heute Ferdinand-Avenarius-Straße (Grundstück Nr. 4); Dürerbundhaus; Kurt Fiedler schuf 1925 den neuen Zeitungskopf der Dresdner Volkszeitung; Wohnhaus von Wolfgang Schumann, Heinrich-Schütz-Straße 4

Wolfgang Schumann und Kurt Fiedler

Mit Sicherheit kannten sich Schumann und Fiedler schon seit den frühen 1920er Jahren, aus dem Dürerbundhaus und aus der SPD. Wichtige grafische Arbeiten von Kurt Fiedler aus dem Jahre 1925 weisen Berührungspunkte zu Schumanns Biografie auf: Das Sternbilder-Buch mit Hermann Häfker entstand für den Dürerbund, dessen faktische Leitung Schumann inne hatte, und für die Dresdner Volkszeitung, wo Schumann Redakteur war, schuf Fiedler den Zeitungskopf. Als Schumanns Mutter, Else Avenarius, 1932 starb, zogen Fiedler und Edmund Schuchardt in deren Etage im Dürerbundhaus.

Bibliografie

  • Wolf Castells Gast. Romannovelle. 1909
  • Unser Deutschtum und der Fall Spitteler. Belege und Betrachtungen. Im Auftr. des Dürerbundes zsgest. von Wolfgang Schumann. Mit einem Vorw. von Ferdinand Avenarius. Flugschrift des Dürerbundes 135. München: Callwey, 1915
  • Das Schrifttum der Gegenwart und der Krieg. Flugschrift des Dürerbundes 137. München: Callwey, 1915
  • & Otto Neurath: Können wir heute sozialisieren? Eine Darst. d. sozialist. Lebensordnung u. ihres Werdens. Leipzig: Klinkhardt, 1919
  • Reform und Sozialisierung der Tagespresse. Flugschrift des Dürerbundes 183. München: Callwey, 1919
  • Über den Dürerbund; Bemerkungen über Geschichte, Wesen und Aufgabe d. Dürerbundes. München: Callwey, 1919
  • Parteiwesen und Parteiprogramme. 1921
  • Zur Volkshochschulfrage: Bemerkungen und Vorschläge vornehmlich über städtische Volkshochschuleinrichtungen nebst e. krit. Übers. über d. neuere Literatur. Flugschrift des Dürerbundes 184. München: Callwey, 1921
  • & Karl Hanusch. Von Brueghel zu Rousseau. Einführung in die Kunst der Zeit. München: Callwey, 1923
  • Die Wissenschaft: eine Betrachtung ihres Wesens und ihrer Sendung. München: Callwey, 1923
  • Maarten Maartens. Novellen. 1923
  • Schauspielkunst und Schauspieler. Flugschriften des Dürerbundes 200. München: Callwey, 1926
  • Geschlechtlichkeit und Liebe: Betrachtungen zu Lebensfragen. Zürich: A. Müller, 1944
  • Lebenslang nach Heimat sehnt sich jeder Mensch. Dresden: Meinhold Verlagsges., 1944
  • Vom Glück im Leben: Brevier der Lebenskunst als Helfer im Lebenskampf. Zürich; Rüschlikon, 1950
  • Flammende Insel im Ozean: Ein biographischer Roman um Toussaint l'Ouverture. Leipzig: List, 1953
  • Der Igel. Erzählung in Das innere Antlitz
  • Stern aus der Tiefe: Ein Spartacus Roman. Wien: Die Buchgemeinde, 1959
  • Oberschlesien 1918/19: Vom gemeinsamen Kampf deutscher und polnischer Arbeiter. 1961